"Silvesterchlausen"

Das Silvesterchlausen ist im ausserrhodischen Hinterland, speziell in der Gemeinde Urnäsch, ein ganz besonderer Brauch. Jedes Jahr am Neuen und am Alten Silvester, das heisst, am 31. Dezember und am 13. Januar, trifft man auf «Chlausenschüppel». Der Grund, dass Silvesterchläuse gleich zweimal unterwegs sind, liegt in der gregori­anischen Kalenderreform von 1582, als Papst Gregor XIII. dem Julianischen Kalen­der die Früh­lings-Tagnachtgleiche auf den 21. März anpasste. Die protestantischen Ausserrhoder an­erkannten diesen päpstlichen Beschluss nicht. Erst 1798, unter dem Druck der napoleo­nischen Besatzungstruppen führte Ausserrhoden den neuen Ka­lender de­finitiv ein.

Früheste schriftliche Erwähnungen zum Chlausen finden sich in den Sittenmandaten von 1663, die das Chlausen als «abergläubische Unart» zu verbieten suchten. Der eigentliche Ursprung des Brauchs wird verschieden ausgelegt. Viele sind der Ansicht, er habe sich aus dem Nikolausbrauch entwickelt. Einige ordnen ihn einem alten Fruchtbarkeitskult zu, an­dere meinen, es handle sich um einen Dämonen- oder Fas­nachtsbrauch. Denkbar wären auch Heische- oder Bettelbräuche.

Schöne, Wüeschte und Schö-Wüeschte: Unterschieden werden drei Arten von Chläusen: die «Schöne», die «Wüeschte» und die «Schö-Wüeschte». Die beiden letzteren können ihrer Kleidung wegen auch als Wald- oder Naturchläuse bezeichnet werden. Masken tragen alle. Die „Wüeschte“ haben furchterregende, mit Kuhhörnern und Tierzäh­nen gefertigte Lar­ven.

Die «Schö-Wüeschte» treten erstmals zu Beginn der 1960er-Jahre auf. Sie sind eine neu kreierte Form von Waldchläusen, mit gesammelten Materialien wie Föhren- und Tannenzapfen, Rinden, Moos, Tannenbart, Schneckenhäuschen und mit Schnitze­reien verzierten Gewändern.

Die «Schöne» entwickeln sich anfangs des 20. Jahrhunderts. Heute sind ihre grossen Hauben und Hüte aufwändig mit Szenen aus dem tägli­chen Leben und aus dem Brauchtum verziert. Dazu gehören Hunderte von Kunstperlen. Beim Montieren der Perlen bieten die Frauen oft eine helfende Hand. Dennoch ist das Chlausen ein aus­gesprochener Männerbrauch. Nicht nur weil es so «de Bruuch» ist, son­dern wegen der körperlichen Anstrengung. Rollen, Schellen, «Groscht» (Gewand), Hau­ben und Hüte sind schwer.

Rolli und Schelli: jede Chlausart bildet eigene Gruppen, sogenannte «Schüppel». Ein Schuppel besteht aus zwei «Rolli» und mehreren «Schelli». Die «Schelli» haben ein bis zwei Schellen umgehängt und stellen «Mannenvölcher» mit Hüten dar. Die «Rolli», auch als «Rolli­wiiber» bezeich­net, tragen ein hosen­trägerähnliches Ledergestell mit acht oder drei­zehn runden Rollen (Schellen).

Ab den frühen Morgenstunden des Silvestertages ziehen die «Chlausenschüppel» den ganzen Tag von Haus zu Haus. Jede Gruppe hat ihren «Strech», ihre gewählte Route. Voran der «Vorrolli», dann die «Schelli» und zum Schluss der «Noerolli». Vor dem von ihnen ausge­wählten Haus stellen sie sich im Kreis auf, beginnen rhythmisch zu schellen und zu rollen und stimmen drei bis vier «Zäu­erli» an. Zum Schluss wünschen sie den Bewohnern ein gutes neues Jahr. Diese bewirten den Schuppel mit Wein, Glühwein oder Most und mit einem Geldgeschenk.

Am Abend ziehen die Chläuse von einer Wirtschaft zur andern und erfreuen mit ihren Rollen, Schellen und Zäuerli die Besucher und Besucherinnen von nah und fern.

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